Dezember 2006


Sie sprechen von einem »nicht erklärten« Weltkrieg im Nahen Osten. Was verstehen Sie darunter?

Dort findet neben allen regional-konkreten Konfliktlinien zugleich ein internationaler Kampf um ideologische Vorherrschaft, geopolitische und wirtschaftliche Macht sowie um lebenswichtige Ressourcen wie Öl, Gas und Wasser statt. Bereits jetzt wird um diese Ressourcen erbarmungslos gekämpft – und der Bedarf an Rohstoffen und Energien steigt rapide an. Die Konfliktlinien werden also verschärft, und es besteht die Gefahr, dass dieser jetzt noch regional begrenzte Krieg in absehbarer Zeit in einen offenen münden wird, der sich weltweit ausweiten wird.

Mit dem kampflosen Einmarsch iranischer Truppen in die Stadt Mahabad endete Mitte Dezember 1946 die Geschichte des ersten kurdischen Staates der Neuzeit. Knappe elf Monate vor der Rückeroberung des Gebietes durch die Armee von Mohammad Reza Schah Pahlavi hatte der Richter Ghazi Mohammed am 23. Januar 1946 auf dem Vier-Lampen-Platz der kurdischen Stadt im Nordwesten des Iran die »Republik Kurdistan« ausgerufen. Der zukünftige Präsident der kurdischen Republik trug dabei zu einer Generalsuniform der Roten Armee den traditionellen weißen Turban seines religiösen Amtes. Diese Kleidung symbolisiert das widersprüchliche Bündnis zwischen der Sowjetunion und den kurdischen Stämmen.

Man sieht sie oft auf belebten Straßen europäischer Großstädte: meist junge Frauen mit Kopftuch oder ordentlich gekleidete Männer, die Unterschriften für Demokratie und Menschenrechte im Iran sammeln. Sie sind beileibe keine Terroristen. Aber die schwarze Mappe, die sie in der Hand halten, hat es in sich. Sie enthält grauenhafte Bilder von Hinrichtung und Folter im Iran. Entsetzt darüber setzen nur allzu oft ahnungslose Passanten ihre Unterschrift unter Erklärungen, in denen mehr Freiheit und Demokratie im Iran gefordert wird. Und sie werfen Spenden in die Geldbüchsen ein, die die “Sammler für Freiheit und Demokratie” ihnen entgegenhalten.

Noch vor wenigen Jahren hätten es die Wahlen im Inselstaat Bahrain im Persischen Golf wohl kaum in die westlichen Schlagzeilen geschafft, doch heute ist das anders. »Schiitisch-muslimische Opposition in Bahrain gewinnt mehr als 40 Prozent der Stimmen«, so eine Schlagzeile in der britischen BBC Ende November. Nicht Bahrain oder die Wahlen machen die Schlagzeile, sondern »die Schiiten«. Als »schiitische Opposition« in Bahrain, als »Mullahregime« im Iran, als »radikalislamische Schiitenmiliz« Hisbollah im Libanon oder von Muktada Sadr im Irak. Der jordanische König Abdullah II. warnt vor einem »schiitischen Machtbogen« vom Mittelmeer bis Indien, sunnitische Herrscherhäuser in der arabischen Welt fürchten Aufstände ihrer schiitischen Minderheiten im Land, was die US-Administration nutzt, um in der Region Bündnisse gegen eine neue »schiitische Gefahr« zu schmieden, die vor allem vom Iran ausgehen soll.